Archiv der Kategorie: MINT

Und nun?

Ich bin in meinem Leben nur einmal in einem richtigen Bergwerk gewesen und zwar ca. 1980 in der Asse II. Wir waren auf 750 m Tiefe und haben uns das Atommülllager angeschaut. Dort liegt massenweise Krankenhausmüll und ähnliches. Es gab auch eine Anlage mit der die Graphitkugeln aus dem Hochtemperaturreaktor von der Erdoberfläche auf 1050 m gebracht werden sollten. Die Anlage war mit Gummikugeln gleicher Grösse getestet worden, aber dann lief die Einlagerungsgenehmigung aus und soviel ich weiss, liegen die Kugeln immer noch in Jülich.
2013 hat der Bundestag beschlossen, den Müll wieder rauszuholen. Das Umweltministerium wollte damit nach 2030 anfangen und rechnete mit Kosten von 10 Mrd. Euro. Jetzt hat die Strahlenschutzkommission einen Bericht für das Umweltministerium erstellt, wo nach das Zeug in der Asse vollkommen sicher gelagert ist und es besser für alle ist, wenn es da unten bleibt.
Und nun? Folgen wir den Empfehlungen der Strahlenschutzkommission oder den Empfehlungen des Bundestages mit der Folge einer höheren Strahlenbelastung?
Eine Person, die schon etwas an Demenz leidet, hatte mich, als ich ihr davon erzählte, spontan gefragt, wo man den Müll denn hinschaffen wolle.
Über dem Müll liegen etwa 700 m Salz. Dieses besteht aus Natriumchlorid und Kaliumchlorid. Kalium ist ein Isotopengemisch, dass immer auch Kalium-40 enthält und dieses ist radioaktiv. Jetzt kann man ausrechnen, wieviel radioaktives Material der Salzstock enthält. Das erstaunliche Ergebnis ist, dass das Salz mehr Radioaktivität enthält als der Müll. Wäre man konsequent, müsste man auch den Salzstock „zurückholen“. Jetzt beginnt es, absurd zu werden.
Da das Salz stark hydroskopisch ist, dringt immer etwas Wasser in den Salzstock ein. Pro Tag werden 2500 l Salzwasser abgepumpt. Als jetzt bekannt wurde, dass man das Wasser in die Elbe kippen wollte, erzeugte dies eine „Empörungswelle“. Das Wasser ist weniger radioaktiv als das Nordseewasser und die Elbe führt pro Tag im Schnitt 4-millionenmal mehr Wasser.

Wenn die Temperatur um 4°C steigt, …

stehen mir die Haare (nun gut, viele sind es nicht mehr) zu Berge.
Vor etwa 50 Jahren habe ich in der Schule gelernt, dass man Temperaturen in °Celsius oder in Kelvin angibt. Temperaturdifferenzen werden jedoch nur in Kelvin (abgekürzt K) angeben.
Journalisten wissen es entweder nicht oder sie haben entschieden, dass ihre Leser zu dumm dazu sind.
Bei Zeitangaben ist es im Deutschen dagegen vollkommen normal, dass andere Einheiten benutzt werden. Jedermann sieht ein, dass es ein Unterschied ist, ob man einen Marathon unter 2 Stunden oder vor 2 Uhr beendet. Die Zeit messen wir in «Uhr», den Zeitunterschied in «Stunden» und bei der Temperatur sind wir für sowas zu blöd?

Lang oder kurz?

Um jetzt die 100’000 Euro-Frage: Was ist gefährlicher: radioaktiver Müll mit kurzer Halbwertszeit oder mit langer Halbwertszeit?
Nehmen wir an, dass ich 1 kg radioaktives Material habe.
Fall A: die Halbwertszeit beträgt 1 Minute. Innerhalb einer Stunde ist praktisch nichts mehr von dem ursprünglichen Material erhalten und ich kann beruhigt sein. Dummerweise hat das Material bei seinem Zerfall in dieser kurzen Zeit, alle Strahlung abgegeben und ich kann nicht beruhigt sein, wenn ich in der Nähe war und die gesamte Strahlung abbekommen habe.
Fall B: die Halbwertszeit beträgt 24’000 Jahre. In den nächsten 60 Jahren werden 1.7 g zerfallen und eine Strahlendosis erzeugen, mit der mein Körper hoffentlich fertig wird.

Proliferation

Wer weiss, was Proliferation ist?
Proliferation ist im Rüstungsbereich die Bezeichnung für die Weiterverbreitung bzw. die Weitergabe von Massenvernichtungswaffen (aus Wikipedia).
Heute heisst es dazu in der FR: «Darüber hinaus bergen sowohl Kernfusion, als auch neue Reaktortypen, die Gefahr der Proliferation. »
Der Artikel ist ein Gastartikel von Frau Sylvia Kotting-Uhl. Im Artikel geht es auch um das Fusionsreaktorprojekt ITER. Jetzt kann man durchaus diskutieren, ob die Kernfusion sinnvoll ist und jemals zum Ziel führen wird. Auch ich habe da meine Zweifel. Wie man aber aus einem Fusionsreaktor eine Massenvernichtungswaffe macht, dass hätte ich doch gern von Frau Sylvia Kotting-Uhl erklärt bekommen. Ich freute mich schon auf ein physikalisches Fachgespräch, bis ich las, das Frau Kotting-Uhl Germanistik, Anglistik und Kunstgeschichte studiert hat.
Wie macht man das eigentlich mit Gastartikeln? Werden die Inhalte überprüft?

Mit Statistik lässt sich alles beweisen…

Ich habe dazu einen Beitrag im FR-Blog geschrieben. Hier eine etwas ausführlichere Fassung.
„Mit Statistik lässt sich so gut wie alles beweisen.“
Dieser Satz ist falsch. Mit Statistik kann man gar nichts beweisen. Statistik zeigt höchstens Korrelationen zwischen Daten auf, aber keine Kausalität. Da die Menschen aber ein grosses Bedürfnis nach Kausalität haben, sind sie sofort bereits aus einer Korrelation auf Kausalität zu schliessen.
Wenn ich mit religiösen Menschen diskutiere, kommt als Begründung für ihren Glauben immer das Kausalitätsprinzip. Die Existenz der Welt muss eine Ursache haben, weil sie eine Wirkung ist und diese Ursache ist Gott. Wenn man dann fragt, wer denn die Ursache Gottes ist, dann kommt oft die Antwort, dass in diesem Fall das Kausalitätsprinzip nicht gelte, weil Gott eben Gott sei. Wenn das Kausalitätsprinzip gilt, dann hat alles eine Ursache. Jetzt hat Gott aber dem Menschen den freien Willen gegeben. Was ist dann die Ursache meines freien Willens? Dann ist die Diskussion beendet und man geht zum Mittagessen.
Aus einer Statistik kann man nicht zwingend auf eine Kausalität schliessen. Noch schwieriger ist es überhaupt zu beweisen, dass es Kausalität gibt.
Eine moderne Idee ist, Kausalität durch Negation zu beweisen. Um zu beweisen, dass der Steinwurf die Ursache ist, dass sie Scheibe kaputt ist, überprüft man die Aussage, dass die Scheibe nicht kaputt geht, wenn kein Stein geworfen wird. Das gilt erstmal einleuchtend.
Jetzt stellt die Statistik fest, dass es eine Korrelation zwischen der Eigenschaft „Ausländer sein“ und Straftaten gibt.
Um einen kausalen Zusammenhang zu beweisen, müsste man die Aussage Nicht-Ausländer verüben keine Straftaten überprüfen. Dies ist aber nicht richtig. Daher kommt die Eigenschaft „Ausländer sein“ nicht als einziger Grund in Frage.
Ein Amerikaner hat ein Programm geschrieben, dass nach Korrelationen zwischen beliebigen Datensätzen sucht. Angeblich enthält die Webseite (http:/tylervigen.com/spurious-correlations) bereits 30‘000 Korrelationen und ein Ende ist nicht abzusehen. Keine dieser Korrelationen zeigt eine kausale Beziehung. Die Scheidungsrate in Maine hängt wirklich nicht vom Verzehr von Margarine ab (Mein Favorit: „Leute, esst Butter, sonst läuft euch der Ehepartner weg.“). Dass die USA mehr Uran exportieren, wenn mehr Engländer einwandern, ist zwar richtig, aber es gibt keinen kausalen Zusammenhang.
Der Erfolg, den manche Autoren mit Statistiken haben, beruht auf dem Bedürfnis nach Kausalität und der erbärmlich schlechten mathematischen Bildung eines Grossteils der Bevölkerung. In einem Land, wo es zwar immer noch peinlich ist, wenn man glaubt, dass Goethe mit Vornamen Mario heisst und Fussball spielt, man sich aber rühmt, bereits in der Schule in Mathematik nichts verstanden zu haben, ist dies auch nicht sehr verwunderlich.
Der Satz muss also heissen: „Mit Statistik kann man gar nichts beweisen.“ und damit kann man Sarrazins Bücher in die Tonne werfen.